Die Haltung von Alzheimer Schweiz, 24. Juni 2020 

Menschen mit Demenz haben besondere Bedürfnisse 

Besuche in Pflegeheimen sind inzwischen möglich, sofern die Hygiene- und Distanzvorschriften eingehalten werden. Manche Heime haben gute Besuchslösungen für Demenzerkrankte und ihre Angehörigen gefunden. Die Aufarbeitung der Corona-Situation in der Schweiz läuft, aber das Risiko einer zweiten Welle ist noch nicht gebannt. Alzheimer Schweiz fordert Politik und Behörden auf, die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Demenz bei zukünftigen Empfehlungen stärker zu berücksichtigen. 

Als Schutzmassnahme gegen das Covid-19-Virus wurde Anfang März ein striktes Besuchsverbot für Pflegeheime erlassen, bis Mitte Mai einige Lockerungen erfolgten. Inzwischen sind Besuche wieder möglich. Die wochenlange Trennung von Angehörigen und die darauffolgenden begrenzten Besuche hinter Plexiglasscheiben waren eine grosse Belastung; ganz besonders für Demenzkranke. Die Kommunikation über Berührungen wird wichtiger oder gar zum einzigen Weg, um mit den Angehörigen zu kommunizieren. Demenzerkrankte haben Mühe mit Veränderungen. Krankheitsbedingt fällt es ihnen schwer, sich auf ungewohnte Situationen wie eine Pandemie einzustellen. Wegen ihrer kognitiven Probleme verstehen sie oft nicht, warum ihre Angehörigen sie nicht besuchen, warum eine Scheibe sie vom Ehemann trennt oder die Partnerin nach der langen Abwesenheit so weit weg Platz genommen hat. Viele leiden unter dem Gefühl der Isolation oder der Verlassenheit. Zudem erkennen manche Menschen mit Demenz ihre Angehörigen nur schwer oder gar nicht mehr, weil der Kontaktmangel den Verlust der sozialen Fähigkeiten beschleunigt hat.  

Besuchsmöglichkeiten waren teilweise ungeeignet 
Beim nationalen Alzheimer-Telefon sowie allen kantonalen Sektionen von Alzheimer Schweiz melden sich bis heute viele Angehörige, die uns ihre Erfahrungen mit den Schutzmassnahmen in Pflegeheimen schildern: 

  • Frau M.: «Vor Corona habe ich meine 91-jährige Mutter, die demenzkrank ist, mindestens einmal pro Woche besucht. Nun ist nur noch ein Besuch von zwanzig Minuten in einem geschlossenen Raum möglich. Sie fragte, wieso ich sie nicht mehr besucht habe und warum wir nicht wie früher spazieren gehen, wir hätten uns doch immer gut verstanden. Ich bin enttäuscht und traurig, dass die Besuchssituation die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz ausser Acht lässt.». 
  • Frau L.: «Meine Mutter ist schwer demenzkrank. Wir kommunizieren nonverbal, meist über Berührungen. Aufgrund der veränderten Situation erkennt uns meine Mutter gar nicht mehr. Insbesondere mein Vater, der seit über 50 Jahren mit meiner Mutter verheiratet ist, leidet sehr unter der Situation. Wie lange geht das noch so weiter?» 
  • Frau C.: «Das Skypen habe ich rasch bleiben lassen, weil es meine Mutter zusätzlich verwirrt hat und sie mich oft Stunden nach unserem Gespräch noch suchte. Deshalb freute ich mich auf die Lockerungen des Besuchsverbots. Leider liess aber auch die Plexiglasscheibe keine wirkliche Begegnung zu, meine Mutter erkannte mich nicht mehr, weil wir uns so lange nicht gesehen haben.» 
  • Frau O: «Die Feiertage (Ostern/Pfingsten) haben bei uns in der Familie einen zentralen Wert. Sie nicht mit unseren gewohnten Ritualen zu begehen, war für mich sehr schwer. Die Pflegenden konnte dies, auch mit sehr gutem Willen, nicht ersetzen – Familie bleibt Familie.» 

Weil die besonderen Umstände die erkrankte Person beunruhigten und teilweise mehr verwirrten, verzichteten manche Angehörige sogar auf einen Besuch ihrer Liebsten im Pflegeheim. Für alle Betroffenen eine extrem belastende Situation, die vielfach zu einer Verschlechterung des Allgemeinzustandes der Erkrankten führte.  

Menschen mit Demenz besser berücksichtigen 
Im Hinblick auf die aktuellen Prozesse der Aufarbeitung der Krise sowie auf eine mögliche zweite Welle fordert Alzheimer Schweiz Politik und Behörden auf, bei ihren Empfehlungen die spezifischen Bedürfnisse von Demenzerkrankten und deren Umsetzbarkeit in Pflegeinstitutionen noch besser zu berücksichtigen. Die Rückmeldungen, welche Alzheimer Schweiz bis heute erhält, zeigen deutlich, dass neben dem Virenmanagement auch ein Management der psychischen Gesundheit von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen notwendig ist. Aus den angeführten Gründen empfehlen wir folgende Massnahmen:  

  • Angehörige als therapeutische Partner in der Krise. Zukünftig muss es möglich sein, die Angehörigen als therapeutische Partner stärker einzubinden. Angehörige können in schwierigen Situationen wertvolle Hilfe leisten, ganz besonders für Menschen mit fortgeschrittener Demenz. Eine Task Force pro Pflegeheim, bestehend aus Angehörigen und Pflegenden, könnte zum Beispiel angemessene Besuchsmöglichkeiten gewährleisten, um die Beziehung mit dem Erkrankten aufrecht zu erhalten. Fachorganisationen wie Alzheimer Schweiz und ihre Kantonalsektionen können als Fachexperten in den jeweiligen gesundheitspolitischen Notfallgremien wertvolle Unterstützung bieten.
  • Die Bedürfnisse der Angehörigen berücksichtigen. Auch für Angehörige war die Situation sehr schwierig. Insbesondere für diejenigen, deren Liebsten erst vor kurzem in ein Heim umgezogen sind. Sie möchten sich gerne selbst davon überzeugen, dass sie gut versorgt sind und die gemeinsame Zeit ist auch für sie wichtig, um besser loslassen zu können. Durch die Schliessung der Heime waren sie mit ihren Sorgen und Nöten alleingelassen. Für ähnliche Situationen müssen zukünftig auch die psychischen Belastungen von Angehörigen von Menschen mit Demenz in den Pflegeheimen berücksichtigt werden und geeignete Entlastungen (z.B. Hotlines der Pflegeheime) zur Verfügung stehen
  • «Gute Lösungen» teilen. Während der Pandemie und auch nach den ersten Lockerungen des Besuchsverbots sind Pflegeinstitutionen mit Angeboten für Menschen mit Demenz noch stärker gefordert als im Normalbetrieb. Im Austausch mit unseren kantonalen Sektionen und den Angehörigen haben manche Pflegeheime in den vergangenen Wochen Kontaktmöglichkeiten gefunden, welche sich an den Möglichkeiten und Grenzen von Demenzerkrankten orientieren. Lösungen wie eine Besuchsecke im Garten, die Einrichtung eines Besuchsfensters oder eines Besuchszimmers helfen den Demenzkranken und ihren Angehörigen, den Kontakt zu pflegen. Um solche kreativen Lösungen schneller zu verbreiten und damit schweizweit zugänglich zu machen, muss eine öffentlich zugängliche Online-Plattform zur Verfügung gestellt werden. Als Teil eines Schutzkonzeptes für die psychische Gesundheit der Bewohnenden sollen Pflegeheime explizit aufgefordert werden, ihre Lösungen dort zu teilen.